„Agrarpolitik 2015 – 2020: „Verbesserte Lebensbedingungen für Honigbienen und Wildinsekten?!“


Vortrag von Ministerialdirigent Joachim Hauck am Donnerstag, 16.06.2016 um 15.15 Uhr auf der Landesgartenschau in Öhringen, Landkreispavillon

Als Imker/in hofft man beim Lesen der Überschrift auf eine zuverlässige Aussage, im Sinne von „Die Politik wird`s schon richten, an den richtigen Schrauben drehen, die Weichen stellen oder so ähnlich“. Das Fragezeichen in der Überschrift jedoch irritiert. Werden die Maßnahmen der Agrarpolitik tatsächlich greifen? Das weiß auch Joachim Hauck nicht. Damit sich die Lebensbedingungen von Honigbienen und Wildinsekten tatsächlich verbessern, sind alle gefordert, – das ist die Quintessenz: Die Landwirte, die Imker, die Tierfreunde, die Naturfreunde, die Bevölkerung – einfach alle. Der neue alte Landwirtschaftsminister Peter Hauk fasste das Problem vor Jahren in die kernigen Worte– damals schon wurden die „Blühstreifen“ vermisst – : „Wir können die Bauern doch nicht enteignen.“

Ministerialdirigent Joachim Hauck (MLR)

Ministerialdirigent Joachim Hauck (MLR)

Joachim Hauck zeigt anfangs den Wert der Insekten auf: Ohne Zweifel sind Honigbienen essentiell für das Ökosystem; der ökonomische Wert der Insekten-bestäubung beläuft sich weltweit insgesamt auf ca. 150 Milliarden Euro pro Jahr, auf Deutschland entfallen 2 Milliarden. Honig-bienen sind die drittwichtigsten Nutztiere nach Rind und Schwein. 80 % der Kultur-pflanzen und 80% der Wildpflanzen brauchen die Insektenbestäubung. Es geht auch um die Rettung von über 600 Arten Wildbienen.

Bedeutend sind Honigbienen auch als Biomasse – wer hätte das gedacht? 10 Bienen wiegen 1 Gramm. Bei 800 000 Bienenvölkern in Deutschland werden somit jeden Tag im Sommer ca. 80 Tonnen Biomasse produziert, wenn jeden Tag ca. 1000 Bienen pro Volk sterben. Diese Masse steht Vögeln und anderen Insekten als Nahrung zur Verfügung.

Wie steht es allgemein um die Imkerei in Baden Württemberg, die für eine flächen-deckende Bestäubung sorgt? Gut! Junge Menschen wollen etwas für die Natur tun, um 3% steigen die Mitgliederzahlen in den Imkervereinen. Die Vereine informieren, leiten an und geben jede Unterstützung.

Ca. 180 000 Bienenvölker gibt es in BW und ca. 22 000 Imker. Jeder Imker hält im Durchschnitt 8,2 Völker und betreut Bienen als Hobby. Etwa 10% der Imker wollen einen Gewinn erzielen. Nur 40 Imker haben mehr als 150 Völker. 25 bis 30% des Bedarfs an Honig können die BW-Imker decken. Der Rest kommt aus dem Ausland. Weltweit steigen die Völkerzahlen an. Die Ursachen sind nicht nur rein wirtschaftlicher Art, wie in China, die den Honigmarkt fluten wollen, sondern liegen auch in sozialen Faktoren, wie z.B. in Griechenland, wo die hohe Arbeitslosigkeit die Menschen aufs Land zurück bringt.

Was kann die Agrarpolitik tun? Sie kann Unterstützung leisten, direkt oder indirekt. Direkt fördert sie schon lange die Forschung, die Bienenfachberatung und die Bienen-gesundheitsdienste. Indirekt versucht sie die Nahrungsgrundlage der Bienen durch Flächenmaßnahmen zu verbessern, im Bereich Pflanzenschutz zu sensibilisieren und zu kontrollieren und öffentliche, gewerbliche und private Hände (also alle, s.o.) für Blühflächen zu motivieren.

Sonnenblume mit Biene

Sonnenblume mit Biene

Die Verbesserung der Nahrungsgrundlage durch Flächenmaßnahmen ruht auf den berühmten 2 Säulen der EU-Förderung: Aus der 1. Säule werden die Zahlungen für das „Greening“ geleistet, aus der 2. Säule die Agrarumweltmaßnahmen. Seit 2015 gehört das sogenannte „Greening“ zur gemeinsamen EU- Agrarpolitik. Landwirte, die mehr als 15 ha bewirtschaften, sind verpflichtet, 5% ihrer Ackerfläche in eine „ökologische Vorrangfläche“ umzugestalten. Hierzu gib es einen Katalog, in dem die Landwirte alle Maßnahmen finden, die sich als „Vorrangflächen“ anrechnen lassen. Erfüllen sie die Bedingungen, erhalten sie Direktzahlungen. Was sind „Ökologische Vorrangflächen“? Es sollen Flächen sein, die im Sinne des Arten-, Natur- und Tierschutzes bewirtschaftet werden und über einen längeren Zeitraum diesen Status behalten. Dabei kann es sich zum Beispiel um blühende Wiesen, Randstreifen, blühende Hecken oder Brachen mit Wildblumen-Ansaaten handeln. Die Biodiversität erhält im Katalog eine hohe Wertigkeit. Ein absolutes Umwandlungs- und Pflügeverbot gilt in umweltsensiblen Gebieten, z. B. Vogelschutzgebiete, Moore, FFH, etc. Das Ziel ist eine gute Nektar- und Pollenverfügbarkeit durch ein breites Blühspektrum und längere Blühzeiten sowie die Schaffung von Rückzugsgebieten.

Auf den Einwand: „Warum sieht man dann im Hohenlohischen so selten eine Blühfläche?“, meint J. Hauck, in Hohenlohe sei der Flächendruck sehr hoch, das bedeutet, die Pacht für zusätzlich benötigte Äcker sei immens, und die Landwirtschaft sei stark an der Wirtschaftlichkeit ausgerichtet. Es sei notwendig, über die Hohenloher Ebene und ihre ökologischen Vorrangflächen zu reden.

Im Frühjahr finden Bienen (noch) reichlich Nahrung

Im Frühjahr finden Bienen (noch) reichlich Nahrung

Das nächste Thema beschäftigt sich mit den Energiepflanzen, von denen sich die Imker versprachen, sie könnten die Trachtflaute im Sommer füllen. Die größten Hoffnungen legten sich auf die „Durch-wachsene Silphie“, und obwohl die Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft berichtete, dass die Erträge der Silphie auf manchen Standorten leicht über denen von Mais liegen, hat sie sich in BW noch nicht etabliert. Hauck sieht die Lage so: Man sollte erst Erfahrungen sammeln. Die verschiedenen Zuchtlinien der Silphie müssten sortiert werden: Welche liefert durchweg über Jahre die gewünschten Werte? Erst dann würden die Landwirte bereit sein, sie anzubauen. Dazu kommt, dass Mais Wirtschaftsdünger aufnehmen kann. Die Silphie braucht keinen Dünger. Weitere Energiepflanzen, die für Bienen und Co. Blüten bereitstellen könnten, befinden sich noch im Zustand der Wildform. Sie sollten erst züchterisch bearbeitet werden, und das geht nicht so schnell wie wir uns das vorstellen. Bis dahin bleibt es bei Mais, Mais, Mais, M…

Am Glyphosat (Wirkstoff in „Roundup“, – zerstört die Fähigkeit der Pflanze zur Fotosynthese) kommt J. Hauck natürlich nicht vorbei. Sein Standpunkt ist einfach: Verschiedene Studien und die Informationen aus Hohenheim besagen: Keine Gefahr für den Menschen! Ja, potentiell tödlich, aber mit Glyphosat verhält es sich wie mit dem PkW. Der ist auch potentiell tödlich.

Gefördert wird in jüngster Zeit auch der Anbau von Leguminosen. Was bringen sie den Bienen? Weißklee, Rotklee und Luzerne bieten gute Nektar- und Pollenversorgung bis August/September. Die Sojabohne und die Erbse blühen nur bis Juli und weisen nur mittlere Werte auf.

Ein inzwischen selten gewordener Anblick

Ein inzwischen selten gewordener Anblick

Betrachtet man nun die Tabelle mit den tatsächlich im Jahr 2015 eingerichteten ökologischen Vorrangflächen, fällt auf, dass 70,58% auf den „Zwischenfrucht- anbau und Untersaaten“ entfallen. Zu diesem Umstand schreibt Kornelia Marzini von der Bayer. Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau Veitshöchheim im Heft 7/2016 des Deutschen Bienenjournals auf S.6: „Gerade dies erweist sich für Bienen aber nicht als hilfreich, da es sich zum größten Teil um spät blühende Kulturen handelt…Dadurch tritt ein hohes Trachtangebot zu einer Zeit auf, in der die Bienen sich auf die Winterruhe vorbereiten.“ So bleiben deutschlandweit nur knapp 0,4% der Ackerflächen übrig, die tatsächlich zu Gunsten der Insekten umgestaltet werden. Eins ist sicher: Der ökologische Landbau wirkt sich grundsätzlich positiv auf Bienen aus.

Im Gegensatz zur Ansicht des Dr. Clemens Dirscherl, Hohebuch, der das Verschwinden von Streuobstwiesen als vorhersehbar einordnet, zeigt J. Hauck unter der Überschrift „Bienenfreundliche Maßnahmen“: „C1 Erhaltung von Streuobstbeständen“. 2,50 € pro Baum gibt es, wenn auch das „artenreiche Grünland“ unter den Bäumen gepflegt wird. In diesem Zusammenhang erfahren die Zuhörer von der „Sortenerhaltungszentrale“, die das Land unterhält. Hier werden alte Obstsorten gesammelt und vermehrt.

Aus dem Förderprogramm FAKT (= Förderprogramm für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl) wird das „artenreiche Grünland“ unterstützt, mit bis zu 240 €/ha. Vorbedingungen sind: Aufzeichnungen der Bewirtschaftung, z.B. der Schnittzeitpunkt, die Düngung und Vorkommen von (neu) mindestens 6 Kennarten aus einem Katalog von 28 Kräutern. Damit verbunden ist die Verpflichtung, das artenreiche Grünland mit dem Messerbalken zu schneiden, wenn weitere 50 €/ha gezahlt werden sollen.

Und wie sieht es nun mit der „Sensibilisierung und Kontrolle im Bereich Pflanzen-schutz“ aus? J. Hauck skizziert das Unglück im Oberrheintal 2008 durch das Neonicotinoid Clothianidin, als der Abrieb der Samenbeizung in die Luft gelangte. Was man anschließend noch entdeckte, war die Vergiftung der Bienen durch Guttationswasser. Derartige Katastrophen sollen sich nicht wiederholen. Dazu setzen sich die verschiedenen Ämter miteinander ins Benehmen und entscheiden nach reiflicher Prüfung. Die Einstufung der PSM in B1 (bienengefährlich) bis B4 (bienenungefährlich) kennen die Imker schon. Blütenspritzungen in den Raps sind eindeutig ein Problemfeld, lassen sich aber vorerst nicht vermeiden. Man arbeitet daran, andere Düsen zum Spritzen zu verwenden, die eher die unteren Pflanzenteile treffen. Die Anbaufläche für Winterraps hat seit 2010 deutlich abgenommen, weil der Pflanzenschutz im Raps immer mehr Aufwand erfordert.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die eingetretenen Bienenschäden in 2015: Ganze 13 gemeldete Bienenschäden mit Verdacht auf Vergiftung, in 7 Fällen nur Bienen-probe, keine Pflanzenprobe. 117 Völker wurden geschädigt. In 5 Fällen konnten PSM als mögliche Schadensursache zugeordnet werden.

Zu Anfang meines Berichts sagte ich es schon: Die blütenreiche Zukunft unserer Bienen ist nicht durch die Politik zu sichern. Sie lässt sich nur durch den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt, durch den Einsatz eines jeden an seinem Platz realisieren.

Zuhörer im Saal des Landkreispavillons

Zuhörer im Saal des Landkreispavillons

Es gibt viel zu tun! Packen wir`s an: blütenreiche, einjährige Aussaaten in Privatgärten, im öffentlichen Grün, auf Firmenarealen etc.! Hilfreich auf diesem Weg ist der Bienenweidekatalog, aufzufinden unter www.bienenweidekatalog-bw.de. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz bietet sogar kostenlose Information über bienenfreundliche Balkonkästen an. Wie wäre es, schlägt Hauck vor, mit der Ausschreibung über das Landwirtschaftsamt: „Blühendes Hohenlohe“?!

Karin Laute